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De Finibus - Buch 1, 40-44


40) Aber, dass die Lust das höchste der Güter ist, kann man sehr leicht aus diesem erkennen: Lasst uns , uns irgenjemanden vor Augen führen, der viele, große und dauerhafte sowohl geistige als auch körperliche Lüste genießt, wobei kein Schmerz weder hindert noch droht: Welchen Zustand könnten wir endlich vorzüglicher oder mehr erstrebenswerter als diesen Zustand nennen. Es ist nämlich notwendigerweise in diesem, der so beschaffen ist, enthalten, auch die Geistesstärke, die weder Tod noch Schmerz fürchtet, weil der Tod keine Gefühle hat, und der Schmerz es gewöhnt ist, dass er langandauernd leicht und ernsthaft kurz ist, sodass dessen Schnelligkeit über die Größe, die Geringfügigkeit über die lange Dauer hinweg tröstet.

41) Wenn zu dieser Geistesstärke noch hinzukommt, dass er weder die erhabene Gottheit fürchtet noch zulässt, dass vergangene Lüste verschwinden und sich an deren beständiger Erinnerung erfreut; was gibt es, was hierhin noch hinzukommen kann, was besser wäre?

42) Diese, die das höchste Gut in die Tugend allein verlegen und vom Glanz des Namens geblendet nicht bemerken, was die Natur fordert, werden vom größten Irrtum befreit werden, wenn sie Epikur hören wollen. Wenn diese eure vortrefflichen und schönen Tugenden nicht die Lust bewirken würden, wer sollte dann noch diese entweder für lobenswert oder für erstrebenswert halten: Wie nämlich wir die Wissenschaft der Ärzte nicht wegen der Kunst selbst, sondern um der guten Gesundheit Willen anerkennen und wie die Kunst des Steuermanns, weil sie in der Methode besteht zur See glücklich durchzukommen, wegen des Nutzens und nicht wegen der Kunst gelobt wird, so würde die Weisheit, welche für die Lebenskunst gehalten werden muss, nicht erstrebt werden, wenn sie nichts bewirken würde. Nun wird sie erstrebt, weil sie (Weisheit) gleichwie Meisterin der zu sammelnden und zu gewinnenden Lust ist.

43) Denn, weil das Leben der Menschen am meisten durch die Unkenntnis des Guten und des Bösen beunruhigt wird und sie wegen dieses Irrtums sowohl oft der größten Lüste beraubt werden als auch von den schlimmsten geistigen Schmerzen gequält werden, muss man die Weisheit anwenden, welche - sowohl nach der Entreißung der Schrecken und Leidenschaften als auch nach dem Entreißen aller falschen unbedachten Meinungen - sich für uns als sicherste Führerein zur Lust erweisen kann. Die Weisheit ist nämlich die Einzige, welche die Traurigkeit aus den Herzen vertreiben kann, welche uns vor Furcht nicht erschaudern lassen kann. Mit Hilfe dieser Lehrerin kann man in Frieden leben, nachdem das Feuer aller Leidenschaften gelöscht worden ist. Die Leidenschaften sind nämlcih unersättlich, welche nicht nur einzelne Menschen, sondern gesamte Familien zerstören kann, oft auch den ganzen Staat ins Wanken bringen kann.

44) Aus den Leidenschaften entstehen Abneigungen, Zerwürfnisse, Zwietrachte, Aufstände und Kriege und weder kehren sich diese allein nach außen noch stürmen sie nur im blinden Angriff gegen andere an, sondern sie sind, in ihrem Herzen eingeschlossen, auch uneinig im Innern und zwieträchtig, woraus notwendigerweise ein sehr unangenehmes Leben ensteht.

Autor: kroetenloverin